Die meisten Strukturfehler in JTL-Installationen gehen auf verwechselte Begriffe zurück. Wer eine Variation für ein Merkmal hält oder einen Vaterartikel für bestandsführend, baut einen Artikelstamm, der später nur mit erheblichem Aufwand zu korrigieren ist. Dieser Beitrag sortiert die Begriffe so, wie JTL sie verwendet — und zeigt, welche Entscheidung daran hängt.
Variation, Merkmal, Attribut: drei Dinge, die oft vermischt werden
Variation ist eine Auswahlmöglichkeit, aus der Ihr Kunde beim Kauf wählt — Größe, Farbe, Länge. Die einzelnen Auswahloptionen heißen Variationswerte. Ein Artikel mit Variationen besteht aus einem Vaterartikel, der die Variationen zusammenhält, und den Kindartikeln, die aus den Kombinationen entstehen. Wer den älteren Begriff „Variationskombination” kennt: Das sind heute die Kindartikel.
Merkmal ist eine beschreibende Eigenschaft, die im Shop sichtbar ist und vor allem eines leisten soll: Filtern und Vergleichen ermöglichen. Material, Marke, Energieeffizienz. Merkmale sind artikelübergreifend gedacht — dasselbe Merkmal taucht bei vielen Artikeln auf.
Attribut ist Datentransport. Attribute werden von der Wawi an den Shop übergeben. Textattribute sind dort sichtbar und mehrsprachig pflegbar, Funktionsattribute steuern Verhalten im Shop und sind für den Kunden unsichtbar.
Eine Merkregel, die sich in Projekten bewährt hat:
Variation = Kaufentscheidung. Merkmal = Filter. Attribut = Datentransport.
Ein Hinweis für alle, die aus der Shopware-Welt kommen: Der Begriff „Eigenschaft” ist in JTL keine eigene Kategorie. Wer ihn als vierten Begriff neben Variation, Merkmal und Attribut verwendet, redet an der JTL-Terminologie vorbei — und redet in Projektgesprächen schnell aneinander vorbei.
Die wichtigste Konsequenz: Nur Kindartikel führen Bestand
Das ist der Punkt, an dem die Begriffsfrage praktisch wird. Variationen und Variationswerte am Vaterartikel sind keine eigenständigen Artikel und können deshalb keinen eigenen Bestand haben. Bestand wird an den Kindartikeln geführt.
Wer also wissen will, wie viele blaue Hemden in Größe M auf Lager sind, braucht dafür einen Kindartikel — und nicht etwa ein Merkmal „Farbe: blau”. Diese Entscheidung fällt beim Aufbau des Artikelstamms und ist später nur mit Aufwand zu drehen.
Merkmale eignen sich für alles, was gefiltert, aber nicht einzeln bestandsgeführt werden soll.
Stücklisten: Bestand liegt bei den Komponenten
Eine Stückliste ist ein Artikel, der aus mindestens einem anderen Artikel besteht. Der im Handel übliche Begriff „Set” oder „Bundle” ist in der JTL-Terminologie keine eigene Artikelart — gemeint ist die Stückliste.
Entscheidend ist die Bestandslogik, und sie ist anders, als viele erwarten:
- Der Bestand wird an den Komponenten geführt, nicht am Stücklistenartikel.
- Die Verfügbarkeit der Stückliste richtet sich nach der knappsten Komponente. Sind von Komponente A fünf und von Komponente B drei Stück verfügbar, ist die Stückliste dreimal verfügbar. Das verhindert zuverlässig den Verkauf unvollständiger Sets.
- Beim Verkauf wird der Komponentenbestand automatisch angepasst.
- Die Lieferzeit richtet sich nach der Komponente mit der längsten Lieferzeit.
- Zusammengefügt wird erst im Pickprozess — die Komponenten müssen also nicht gemeinsam gelagert werden.
Eine Einschränkung, die in der Planung gerne übersehen wird: Ein Vaterartikel kann weder selbst Stückliste noch Stücklistenkomponente sein. Als Komponenten kommen nur Einzelartikel oder Kindartikel infrage. Wer ein Set aus mehreren variantenbehafteten Artikeln plant, muss das über die jeweiligen Kindartikel lösen.
Für Artikel, die der Kunde selbst zusammenstellen soll, gibt es zusätzlich den Konfigurationsartikel. Ob er im Shop angeboten werden kann, hängt von der genutzten JTL-Edition ab — das gehört vor der Konzeption geprüft.
Mehrlager: Was ohne WMS geht und was nicht
JTL-Wawi ist mehrlagerfähig. Unterschieden werden Standardlager, JTL-WMS-Lager, Fulfillment-Lager von Dienstleistern und FBA-Lager für Amazon.
Der Unterschied zwischen Standardlager und WMS-Lager ist der wichtigste:
Im Standardlager wird im Wesentlichen der Bestand je Lager geführt. Das genügt für überschaubare oder sehr gut sortierte Sortimente, in denen jeder weiß, wo ein Artikel liegt.
Eine echte, mehrdimensionale Lagerplatzverwaltung mit chaotischer Lagerhaltung gibt es erst mit JTL-WMS. Dort werden auch Lagerplatztypen unterschieden — vom Regalplatz über Wareneingang, Klärplatz und Kommissionierwagen bis zum Retourenplatz. Ebenfalls erst dort verfügbar: feste Lagerplätze je Artikel, barcodegestützte Prozesse, wegeoptimierte Kommissionierung sowie Chargen, Mindesthaltbarkeitsdaten und Seriennummern auf Lagerplatzebene.
Eine Terminologie-Anmerkung: In vielen Ratgebern taucht eine Hierarchie „Zone, Gang, Regal, Fach” auf. Das ist keine JTL-Terminologie. JTL spricht von Lagern und Lagerplätzen.
Zwei Sperren am Lager sind im Alltag sehr nützlich und werden selten genutzt: für verfügbaren Bestand sperren — der Bestand erscheint dann nicht in Shops und auf Marktplätzen — und für Versand sperren. Für ein Retourenlager ist die erste Sperre praktisch Pflicht.
Die Bestandsformel und die Reservierung
Wer versteht, wie sich der verfügbare Bestand errechnet, versteht die meisten Bestandsprobleme:
Verfügbar = Gesamtbestand − reserviert − gesperrt
Der Gesamtbestand ist die physisch vorhandene Menge. Gesperrt ist Bestand in Lagern mit gesetzter Sperre — er zählt zum Gesamtbestand, aber nicht zum verfügbaren. Im Zulauf ist separat ausgewiesen und meint freigegebene Lieferantenbestellungen.
Wichtig zu wissen: Die Bestandsreservierung ist nicht standardmäßig aktiv. Sie wird in den globalen Einstellungen eingeschaltet, und zwar in zwei Ausprägungen — mit oder ohne FIFO-Prinzip. Bei aktivierter Reservierung nach FIFO wird Bestand bereits beim Auftragseingang reserviert, unabhängig vom Zahlungsstatus.
Genau daraus entsteht ein Problem, vor dem JTL selbst warnt: Unbezahlte Aufträge können Bestand dauerhaft blockieren. Die saubere Lösung ist ein Workflow, der den Zahlungseingang prüft und die Auftragspriorität entsprechend anpasst. Wie solche Regeln aufgebaut werden, beschreibt der Beitrag zu JTL-Workflows.
Chargen, MHD und Seriennummern
Alle drei werden unterstützt und je Artikel in den Lageroptionen aktiviert. Zwei Punkte sollten vorher bekannt sein:
Es handelt sich um ein separat zu lizenzierendes Modul. Ob Ihre Edition dazu berechtigt, ist vor der Planung zu klären.
Die Aktivierung ist nicht beliebig umkehrbar. Nach erfolgtem Wareneingang lassen sich die Optionen für Mindesthaltbarkeitsdatum und Charge nicht mehr deaktivieren. Umgekehrt lässt sich das MHD bei vorhandenem Lagerbestand nicht nachträglich aktivieren — der Bestand muss dafür erst auf null gebucht werden.
Das ist einer der wenigen Punkte in der Wawi, bei denen eine Entscheidung praktisch endgültig ist. Sie gehört deshalb in die Konzeptphase und nicht in den laufenden Betrieb.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Variation und Merkmal in JTL-Wawi? Eine Variation ist eine Auswahl, die der Kunde beim Kauf trifft — sie erzeugt Kindartikel, die eigenen Bestand führen. Ein Merkmal ist eine beschreibende Eigenschaft für Filter und Vergleich und führt keinen Bestand. Wer Bestand je Farbe oder Größe braucht, braucht Variationen und damit Kindartikel.
Wie wird der Bestand bei Stücklisten geführt? An den Komponenten, nicht am Stücklistenartikel. Die Verfügbarkeit der Stückliste entspricht der knappsten Komponente, die Lieferzeit der längsten. Zusammengefügt wird erst beim Kommissionieren, die Komponenten müssen also nicht gemeinsam gelagert werden.
Brauche ich JTL-WMS für mehrere Lager? Nein, JTL-Wawi ist auch ohne WMS mehrlagerfähig. Ohne WMS wird im Wesentlichen der Bestand je Lager geführt. Eine mehrdimensionale Lagerplatzverwaltung mit chaotischer Lagerhaltung, Lagerplatztypen und barcodegestützten Prozessen gibt es erst mit JTL-WMS.
Warum ist mein verfügbarer Bestand niedriger als der Lagerbestand? Weil sich der verfügbare Bestand aus dem Gesamtbestand abzüglich reservierter und gesperrter Mengen errechnet. Häufigste Ursachen sind aktivierte Bestandsreservierung bei unbezahlten Aufträgen und Bestand in Lagern, die für den verfügbaren Bestand gesperrt sind — etwa ein Retourenlager.
Ihr Artikelstamm ist historisch gewachsen und niemand weiß mehr, warum er so aussieht? Wir nehmen Struktur, Lagerkonfiguration und Reservierungslogik auf und zeigen, was sich ohne Neuaufbau geraderücken lässt — mehr dazu unter JTL-Berater.